12 Jahre ein Wir: Ein offener Brief an die Frau

Am genau 20. August 2005 sind wir zusammen gekommen. Und am 25. Mai 2009 haben wir dann endlich nach der Geburt unseres ersten Sohnes geheiratet. Und nun trennen wir uns. Ich sitze mit Tränen vor meinem Macbook und lasse Revue passieren. 12 Jahre. Mein Gott ist das eine lange Zeit. Eine Zeit voller Höhen und Tiefen. Wie hast Du das nur mit mir ausgehalten? 

Als ich dich nach einer Kontaktanzeige im EMP-Katalog vor 12 Jahren sah, war ich sofort verliebt in Dich.  Dabei versprachen deine Briefe nicht viel. Mit Computer geschrieben waren sie doch sehr unpersönlich. Doch direkt beim ersten Treffen funkte es und wir waren ein Paar. Anfangs in einer Wochenend-Beziehung. Du besuchtest mich, besuchte dich. Schnell wurde klar: Das kann nicht so weiter gehen. Und so zogen wir zusammen in unsere gemeinsame Wohnung in Dortmund. Und erinnerst du dich? Als ich deinen Hasen nach Dortmund geholt habe mit einer Mitfahrzentrale. Das war verrückt. Und auch das reichte uns nicht. Wir zogen dann zusammen nach Berlin, deiner Heimatstadt. 

Kleine Streits bringen uns nicht aus dem Gleichgewicht

Immer wieder gab es kleinere Streits, doch wir hielten an uns fest, weil wir uns liebten. Auch meinen Heiratsantrag mit RTL Explosiv auf der Musicalbühne von Dirty Dancing in Hamburg tat ich aus Liebe. Und aus dieser Liebe entstand ein Kind. Heute acht Jahre. Ein Jahr später heirateten wir, was wir eigentlich schon vorher tun wollten, aber du warst mit ihm im Krankenhaus. Ich besuchte dich jeden Tag. Okay, fast. Und auf der Hochzeit tat ich etwas, was ich noch heute bereute. Ich startete am selben eine Tag eine Webseite, dessen Start dermassen in die Hose ging, dass ich beim Hochzeitsessen noch kurz nach Hause musste. Ich stellte meinen Job vor die Hochzeit. Ein Fehler, den ich bis heute bereue. Wie so viele Fehler. Aber immer wieder rauften wir uns zusammen.

Ein weiterer Sohn folgte, dessen Geburt zwar unkompliziert verlief. Doch das Kind nahm alles mit. Von einem dritten Daumen bis hin zu einem Herzfehler. Eine Situation, die uns bis heute noch zu schaffen macht. Er ist unser Sorgenkind. Auch heute nimmt er eigentlich alles mit. Von Hodenhochstand mit Operation bis hinzu Hand-Mund-Fuß-Krankheit. 

Drei ist das neue Zwei

Tja, und da alle guten Dinge Drei sind folgte ein weiterer Knabe. Auch für ihn lagst du sehr lange im Krankenhaus. Ganze 12 Wochen voller Sorgen vor einer Frühgeburt. Aber auch das schafften wir. Zurück gesehen haben wir viel geschafft. Wir beide. Und du warst immer für mich da. Ich konnte noch so großen Mist bauen, Du warst immer für mich da. Und heute, nach den letzten drei Monaten, frage ich mich: Warum? Wie kann mich ein Mensch lieben, wenn ich mich selbst nicht mal richtig liebe. 

Ich habe dich in den letzten drei Monaten nicht fair behandelt. Ich habe dich nicht behandelt wie man eine Ehefrau hätte behandeln sollen. Du bist die Mutter meiner Kinder, liebst mich und ich habe mich in eine andere Frau verliebt. Und statt zu versuchen die Ehe zu retten, habe ich weiter gemacht. Und weiter. Und dabei völlig ausser acht gelassen, dass du ein Mensch mit Gefühlen bist. Hast du mich je so behandelt? Nein. Wieso habe ich es getan? 

Wo ist die Zeitmaschine? Und wo ist die Zeit?

Wenn ich eine Zeitmaschine hätte würde ich an den Tag reisen, an den mein „ich“ die andere kennengelernt hat und würde meinem ich sagen, dass er es lassen soll. Er hat eine wundervolle Frau zu Hause, die ihm traut und er macht es sich kaputt. Aber ich habe diese Zeitmaschine nicht. Und es tut mir leid, dass ich dich so verletzt habe.

Ja, zu einer Beziehung gehören zwei. Und wir hatten es die letzte Zeit nicht einfach, es gab öfter Streitigkeiten, aber mit einem Baby und dem Stillen hat man eben kaum noch Zeit für den anderen Partner. Das ist einfach so. Und statt zu warten und zu dir zu halten, verliebe ich mich in eine andere Frau. 

Und nun sitze ich hier und frage mich: Wo ist die Zeit geblieben? Warum habe ich getan, was ich getan habe? Hätte man die Ehe noch retten können oder wäre es nur ein Aufschub gewesen? 

Eines weiss ich aber mit Sicherheit: Die 12 Jahre waren nicht verschenkt. Sie waren richtig. Ich bereue keine Sekunde davon. Drei wunderbare Kinder sind entstanden und mit dem Gedanken eines Morgens aufzuwachen und nicht mehr euch neben mir liegen zu haben kann ich mich noch nicht anfreunden.

Aber alles mit Dir war richtig. Nichts davon falsch oder verkehrt. Ich weiss eines: auf dich lasse ich nichts kommen. Du hast keinen Fehler gemacht. Und ich leider zu viele.

Written by Jochen